Walter Gysel
stellt den Chor Mundo Unido im WN-Vereins-Domino vor.
Ein Jahr voller Schmerzen, Sorgen und Existenzängsten: Tattookünstler Attila Nagy erzählt, wie Krankheit und Selbständigkeit ihn an seine Grenzen brachten.
Affeltrangen Morbus Crohn verursacht chronische Entzündungen des Darms, Bauchschmerzen, Durchfall, Müdigkeit und Gewichtsverlust – eine Krankheit, die das Leben des Affeltrangener Tätowierers Attila Nagy nachhaltig prägt. 2025 war ein von Krankheit bestimmtes Jahr, das hohe Schulden und Kundenverluste zur Folge hatte.
«Ich konnte praktisch das ganze Jahr nicht arbeiten», erinnert sich Attila Nagy. Aufgrund eines Abszesses am Dünndarm musste sich der Tätowierer gleich vier Operationen unterziehen. «Dabei wurde mir rund einen Meter Dünndarm entfernt», so der gebürtige Ungar. Die Zeit im Krankenhaus war für ihn sehr herausfordernd: «Ich lebe ohne meine Familie in der Schweiz. Ausser einem guten Freund und meiner Ex-Freundin war kaum jemand da, der mich in dieser Zeit unterstützt hat.» Noch immer sei Müdigkeit allgegenwärtig, wie er verrät. «Meine Lebensqualität wird von der Krankheit sehr eingeschränkt», sagt der selbstständige Tattookünstler. So esse er beispielsweise nichts, wenn er Erledigungen machen müsse oder er wisse, dass ein Kundentermin anstehe. «Ansonsten kann es sein, dass ich alle fünf Minuten auf die Toilette muss.» Auch wenn die Beschwerden an schlechten Tagen in Schüben kämen, so schränkten sie den Alltag des Künstlers stark ein.
Nicht nur körperlich, auch mental hatte Attila Nagy zu kämpfen. «Jedes Mal, wenn ich dachte, es geht wieder etwas aufwärts, kam die nächste Rechnung und es riss mich noch tiefer runter», sagt Nagy. Über 10’000 Franken Schulden haben sich durch die Krankheit und die Eingriffe angehäuft. «Ich bin selbstständig. Wenn ich nicht arbeite, dann fliesst auch kein Geld in die Kasse», betont der Hinterthurgauer. Um einen Teil der Schulden abzahlen zu können, verkaufte der Tätowierer seinen Mercedes, seine Harley Davidson und seinen Teil des Elternhauses in Ungarn. «Natürlich ist mir das nicht leicht gefallen, aber das sind nur Dinge», betont er. Viel wichtiger sei für ihn, dass er seiner Leidenschaft, dem Tätowieren, nachgehen könne: «Ich übe diesen Beruf seit 30 Jahren aus. Ich wüsste nicht, was ich anderes machen könnte, als zu tätowieren.»
Das Arbeiten musste er im vergangenen Jahr auf das Minimum reduzieren. «Ich habe dadurch viele Kunden verloren», erzählt Attila Nagy. Verstehen könne er dies aber zu 100 Prozent: «Niemand wartet ein Jahr auf sein Tattoo», so Nagy. «Ganz besonders, wenn unklar war, wie es mir nach der nächsten Operation gehen würde.» Kundengewinnung und -verlust gehörten in der Selbstständigkeit dazu. Um seinem Tätowierer zu helfen, rief ein Kunde kürzlich eine Spendenaktion ins Leben. «Erst war es mir sehr unangenehm, doch es war bereits nicht mehr aufzuhalten», sagt der Tattookünstler. Als ihm Fremde dann per Twint Geld gesendet hätten, sei der 52-Jährige sehr positiv überrascht gewesen. «Leider konnte ich mich nicht richtig bedanken, da es anonym war», erinnert er sich. Diese Geste, so Nagy, habe ihm wieder etwas mehr Vertrauen in die Menschheit geschenkt. «Vom Staat wird man als Einzelunternehmer meiner Meinung nach zu wenig unterstützt», betont der gebürtige Urgar.
Viel wichtiger als Geld sei ihm jedoch die Arbeit: «Ich möchte wieder einen stabilen Kundenstamm und jeden Tag das tun, was ich liebe.» Sein Leben als Tattookünstler in Affeltrangen sei immer unsicher gewesen, das nehme er jedoch gerne in Kauf. «Ich war früher auch nicht ausgebucht. Doch man lebt von Woche zu Woche und kommt so über die Runden», verrät Attila Nagy. Das Arbeiten fühle sich gut an. «Es hilft, mich zu erholen, und ich geniesse den Kontakt mit anderen Menschen.» So kommt der Tätowierer seinem Ziel, wieder auf die Beine zu kommen, Tag für Tag ein Stückchen näher. Wer Attila Nagy in dieser schwierigen Zeit unterstützen möchte, kann sich bei der Redaktion melden.
Von Dominique Thomi
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