Lukas Tribelhorn
verrät, wie es nach der Niederlage von «Wil will wohnen» weitergeht.
Viele Frauen erhalten erst spät eine Diagnose für ADHS oder Autismus. Die 26-jährige Robin Jessica Gloor aus Oberuzwil hat das selbst erlebt – und darüber eine Vertiefungsarbeit geschrieben.
Oberuzwil «Hätte ich mit 15 schon gewusst, was bei mir anders ist als bei meinen Mitmenschen, hätte mir das sehr viel Leiden erspart», sagt Robin Jessica Gloor. Bereits im Alter von zwölf Jahren begann ihr Leidensdruck. «In der Pubertät merkte ich, dass ich nicht ins gesellschaftliche Raster passe. Ich rasierte mir nicht die Beine oder legte den gleichen Wert auf Dinge wie meine Mitschülerinnen», erinnert sich Gloor. Sie litt an schweren Depressionen und war suizidal. Erst durch Gespräche mit ihrer Therapeutin wurde bei ihr im Alter von 25 Jahren eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und eine Autismus-Spektrum-Störung (ASS) diagnostiziert.
Mit dieser späten Diagnose ist die 26-Jährige nicht allein: «Bis zum Jahr 2000 ging man davon aus, dass auf sechs Jungen mit ADHS nur ein Mädchen kommt. Heute weiss man, dass das Verhältnis eins zu eins ist», erzählt Robin Jessica Gloor. Doch weshalb ist das so? «Jungen zeigen die Hyperaktivität meistens nach aussen, weshalb eine Diagnose schneller zustande kommt. Bei Mädchen geht das Ganze mehr nach innen, was es schwieriger macht, es zu erkennen», so Gloor. Hinzu komme, dass man Mädchen bereits in jungen Jahren beibringt, brav, nett und leise zu sein: «Frauen sind Meisterinnen im Masking.» Das bedeutet, dass sich vor allem Frauen den gesellschaftlichen Erwartungen beugen und sich verstellen. «Masking betreiben wir alle in einer gewissen Form. Bei Autisten und ADHS-Betroffenen geschieht dies jedoch in jeder Sekunde an jedem Tag. Das ist unfassbar anstrengend», sagt die Oberuzwilerin. Um jungen Mädchen in der gleichen Situation zu helfen, verfasste Robin Jessica Gloor eine Vertiefungsarbeit. Dies mit grossem Erfolg: «Ich erhielt für meine Arbeit die Note 6», verrät sie. «Wenn nur ein Mädchen sich in diesen Zeilen wiedererkennt und so schneller zu ihrer Diagnose kommt, bin ich glücklich», fügt die 26-Jährige hinzu.
Die späte Diagnose habe die Oberuzwilerin lange wütend gemacht. «Ich empfand es als verschwendetes Potenzial. Ich wusste, dass ich sehr schlau bin, und trotzdem bekam ich es lange nicht hin, mir zweimal täglich die Zähne zu putzen», erzählt Robin Jessica Gloor. Nach der Abklärung, die über ein Jahr dauerte, habe sie sich nochmals neu kennenlernen müssen. «Die gesellschaftlichen Normen funktionieren für mich nicht», sagt sie. Ein alltäglicher Einkauf ist für die Oberuzwilerin bereits ein Kraftakt. «Die Reize überfordern mich», so Gloor. «Ich durfte lernen, dass nicht ich mich ans Umfeld, sondern dass sich das Umfeld an mich anpassen darf», verrät sie. Damit seien nicht Menschen, sondern Kleinigkeiten im Alltag gemeint. Robin Jessica Gloor macht ein Beispiel: «Die meisten Leute ziehen ihre Kleidung nicht dort aus, wo sie danach gewaschen wird. Wenn ich nach diesen gesellschaftlichen Normen handle, so stapelt sich bei mir die Wäsche, saubere wie schmutzige.» Die Energie, das Chaos zu beseitigen, habe sie oft tagelang nicht. «Nun habe ich den Wäschekorb dort platziert, wo ich mich auch ausziehe», so Gloor.
Neben der Umstellung ihrer Umgebung helfen der 26-Jährigen auch Medikamente. «Ich habe acht verschiedene Präparate innert einem Dreivierteljahr ausprobiert, bis ich das passende fand», betont sie. Lange wollte sie möglichst wenig Medikamente einnehmen: «Mittlerweile habe ich für mich aber herausgefunden, dass mehr für mich besser wirkt.» Durch die Medikamente habe sie ein Hunger- und Durstgefühl. «Das ist super. Denn ohne, verspüre ich diese Bedürfnisse nicht», so die Autistin. Solche Medikamente, betont Gloor, seien sehr hilfreich und nach etwa zwölf bis 14 Stunden wieder aus dem Körper raus. «Geht es mir heute schlecht, ist es morgen wieder gut.»
Es war ein langer und steiniger Weg für Robin Jessica Gloor. Heute kann sie mit Überzeugung sagen: «Ich bin Autistin und das ist toll. Es macht mich besonders.» Auch wenn sie jeden Tag kämpfen muss, sei sie heute stabil. «Ich habe erkannt, dass mit mir alles stimmt. Ich brauche mich nicht vollkommen der Gesellschaft anzupassen», so Gloor.
Von Dominique Thomi
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