Aurora Veseli
beantwortet
diese Woche die Fragen im WN-Lehrlings-Domino.
In traditioneller Kluft: Iona Späti (r.) bei seinem Besuch in Flawil zusammen mit seinem
Wanderfreund aus Norddeutschland.z.V.g.
Beige Stoffhose, Weste und Schlagjacke – die Kluft des jungen Müllers erinnert an den warmen Farbton von Mühlensandstein. Das Muster seines Hemdes ist Pepita, traditionell ein Zeichen für Lebensmittelberufe. Auf den ersten Blick wirkt seine Erscheinung wie aus einer anderen Zeit. Doch hinter der traditionellen Kleidung steckt der 26-jährige Inoa Späti.
Flawil Wie die diesjährigen angehenden Müllerinnen und Müller drückte auch Inoa Späti vor sechs Jahren am BZWU in Flawil die Schulbank. Damals besuchte Stefan Anderegg, der erste Schweizer Müller auf der Walz, die Klasse und erzählte von seinen Erfahrungen unterwegs. Die Lernenden hörten aufmerksam zu und stellten interessiert Fragen. Offenbar hinterliess dieser Besuch Eindruck: Einige Jahre später entschied sich Inoa Späti selbst für das Leben auf Wanderschaft. Auf die Frage nach seiner Motivation antwortet er schlicht: «Ich habe gedacht, ich probiere es mal aus und sammle Erfahrungen.»
Seit Beginn seiner Walz ist Inoa Späti allein unterwegs. So wollen es die Regeln der jahrhundertealten Tradition. Seine wenigen persönlichen Sachen trägt er nicht in einem Rucksack – der ist auf der Walz verboten sondern in Tücher eingeschlagen über der Schulter. Dazu gehört auch sein wichtigstes Dokument: das Wanderbuch. Es funktioniert wie eine Art Steckbrief, enthält Stationen, Stempel und persönliche Angaben und kann sogar als Ausweis verwendet werden. Stolz erzählt der junge Müller von Begegnungen und Erfahrungen, die in seinem Wanderbuch verewigt sind. Jede Station hinterlässt Spuren – nicht nur auf Papier, sondern auch persönlich.
Trotz des traditionellen Lebensstils bleibt manches modern, erzählt Inoa Späti schmunzelnd: «Die Krankenkasse muss weiterhin bezahlt werden, und auch digitale Kommunikation lässt sich nicht ganz vermeiden.» So treffen auf seiner Walz alte Bräuche und moderne Technik aufeinander. Ein eigenes Handy darf er nicht bei sich tragen. Wenn nötig, benutzt er fremde Telefone. Auch öffentliche Verkehrsmittel sind tabu. Gereist wird zu Fuss oder per Autostopp. So kam er auch ans BZWU in Flawil, wo er von seiner Walz erzählte. Begleitet wurde er dabei von einem jungen Müller aus Norddeutschland, der ebenfalls auf Wanderschaft ist. Für kurze Zeit gehen die beiden denselben Weg, bevor sich ihre Wege wieder trennen.
Zuletzt arbeitete Inoa Späti bei der Mühle Zwicky im thurgauischen Weinfelden. Doch lange bleibt er nicht an einem Ort. Schon bald wird er erneut weiterziehen, denn sein Weg ist noch lange nicht zu Ende. Nach bisherigen Stationen in Mexiko, Ungarn, Frankreich und Rumänien möchte er seine Walz im Süden fortsetzen. Wohin ihn die Reise als Nächstes führt, weiss er selbst noch nicht genau. Sicher ist nur: Die Tradition lebt weiter – Schritt für Schritt, Strasse für Strasse.
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