Aurora Veseli
beantwortet
diese Woche die Fragen im WN-Lehrlings-Domino.
Vergangenes Wochenende erreichte Neo Keller seinen persönlichen Rekord: 97 Kilogramm beim Stossen.
Neo Keller hebt bis zu 125 Kilogramm – knapp das 1,5-fache seines eigenen Körpergewichts. Am kommenden Wochenende startet der 15-Jährige aus Gähwil an der Junioren Schweizermeisterschaft im Olympischen Gewichtheben in Tramelan. Neo Keller verrät, wie er sich auf den Wettkampf vorbereitet hat.
Gewichtheben In der Trainingshalle des Crossfit Fürstenland, der sogenannten Box, wummerte vergangenen Montag trotz Feiertag ein lauter Bass. Im Gebäude hinter der Autobahnbrücke an der Hubstrasse wärmte sich eine Gruppe aus rund 20 Männern und Frauen für das Training auf. Etwas abseits der Gruppe steht Neo Keller. Der 15-Jährige atmet konzentriert ein, bevor er in die Knie geht, die Langhantelstange vor ihm auf dem Boden greift und sie in einer fliessenden Bewegung bis über seinen Kopf stemmt. Eins bis zwei Sekunden hält er das Gewicht an Ort und Stelle, bis er es mit einem lauten Rumms auf den Boden fallen lässt.
Neo Keller trainiert seit über drei Jahren im Weightlifting (dt. Gewichtheben). Mit seinen 15 Jahren gehört der Oberstufenschüler aus Gähwil im entsprechenden Wettkampfsport, dem Olympischen Gewichtheben, noch zu den Junioren. Begonnen hat er in der Box seines Vaters Gabriel Keller in Wil. Auch dieser nimmt im Olympischen Gewichtheben an Wettkämpfen teil. Erst letztes Wochenende haben Vater und Sohn in einem Team mit drei weiteren Athletinnen und Athleten an der Schweizermeisterschaft Gold geholt. Am Pfingstmontag, nur einen Tag nach dem Wettkampf steht Neo Keller wieder in der Trainingshalle. «Das Training macht mir Spass», sagt er. «Stark zu sein ist schon toll.» Doch viel Kraft zu haben allein, reicht für den Erfolg in dieser Sportart nicht aus. «Olympisches Gewichtheben ist eine sehr anspruchsvolle Sportart», betont Gabriel Keller. Neben Talent brauche es auch die richtige Technik. Neo Keller trainiert deshalb mindestens viermal pro Woche mit schweren Gewichten. Damit er dafür genügend Energie hat, ist auch die Ernährung sehr wichtig.
«Um viel Kraft zu haben, muss ich genug essen. Ich achte auf ausreichend Proteine, Kohlenhydrate und Ballaststoffe», erklärt Neo Keller. «Zum Frühstück esse ich normalerweise Haferflocken mit Magerquark, Beeren und etwas Müsli.» Anders als in anderen verwandten Sportarten sei besonders «lean» zu sein, also einen möglichst geringen Körperfettanteil zu haben, allerdings nicht sein Ziel. «Als Gewichtheber wollen wir so schwer sein, wie möglich – je weniger Substanz, desto weniger Kraft und desto höher die Verletzungsanfälligkeit», erklärt Gabriel Keller, der seinen Sohn coacht. Als Verantwortlicher für die jüngeren Sportler in seiner Box sei es ihm besonders wichtig, eine gesunde Einstellung zur Ernährung zu vermitteln. Neo Keller weiss: Gedankenlos Fast Food essen bringt ihn nicht an seine sportlichen Ziele. An einem Döner mit seinen Freunden sei allerdings ab und an nichts auszusetzen.
Neben der offensichtlichen körperlichen Kraft braucht es für das olympische Gewichtheben zudem mentale Stärke. Am Wettkampf hat Neo Keller pro Disziplin (siehe Box) drei Versuche, ein jeweils zuvor angesagtes Gewicht zu heben. Dazu hat er 60 Sekunden Zeit. «Man muss innert Sekunden alles auf die Bühne bringen, wofür man zuvor wochenlang trainiert hat», so Gabriel Keller. Mit dieser Drucksituation weiss sein Sohn umzugehen: «Ich habe jede Bewegung zuvor schon tausendfach geübt. Auf der Bühne muss ich mich nur darauf konzentrieren, alles so zu machen, wie im Training.» Oft hebt der 15-Jährige mit dieser Einstellung unter Einfluss von Adrenalin am Wettkampf sogar mehr Gewicht als im Training. Seine Bestleistungen waren bisher 97 Kilogramm in einer Zugbewegung und 125 in einer Stossbewegung – dies bei einem Körpergewicht von 80 Kilogramm. Mit seiner Leistung hat er es 2025 in das Junioren Nationalkader geschafft. Doch sind solche Belastungen für den Körper noch gesund?
«Allgemein sind Crossfit und Gewichtheben beides sehr gesundheitsfördernde Sportarten», betont Gabriel Keller. In den Trainingseinheiten würde der Körper ganzheitlich beansprucht, erklärt er. Ausserdem habe Kraftsport bewiesenermassen einen positiven Einfluss auf die Knochendichte und somit auch auf die langfristige Gesundheit. «Sport im Leistungsbereich ist aber grundsätzlich nie gesund», gibt der Juniorenverantwortliche zu. «Wer etwas Ausserordentliches erreichen will, geht über seine Leistungsgrenze hinaus.» Neo Keller nickt zustimmend. Verletzt habe sich der Schüler noch nie. «Es aber wäre gelogen zu sagen, uns tut nie etwas weh – es geht aber nicht um Erfolg um jeden Preis, sondern um die Langfristigkeit», so sein Vater. Denn nur so kann Neo Keller sein hochgestecktes Ziel, an der Olympiade teilzunehmen, erreichen. Auf dem Weg dahin steht am kommenden Samstag die U15-Junioren-Schweizermeisterschaft in Tramelan an.
Linda Bachmann
Olympisches Gewichtheben besteht aus zwei Disziplinen: Reissen und Stossen. Beim sogenannten Reissen wird das Gewicht an der Langhantelstange durch eine Zieh-Bewegung gehoben, beim Stossen wird die Langhantel mit einer Stossbewegung über den Kopf gestossen. Pro Disziplin gibt es drei Versuche, die jeweils besten werden für das Resultat zusammengezählt. In der Schweiz ist der Sport über lokale Vereine organisiert und wird national durch den Schweizerischen Gewichtheberverband koordiniert. Wettkämpfe finden in verschiedenen Alters- und Gewichtsklassen statt.
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