Redon Ismaili
beantwortet diese Woche die Fragen im WN-Vereins-Domino.
Nebst seinem politischen Engagement ist Arbër Bullakaj Unternehmer.
Der Wiler SP-Politiker Arbër Bullakaj zieht in den Nationalrat ein. Möglich wird dies durch den Rücktritt der St.Galler Nationalrätin Claudia Friedl, die ihr Amt per 26. April niederlegt.
Wil Arber Bullakaj, sie sind in Prizren im Kosovo geboren und mit acht Jahren in die Schweiz gekommen. Was ist Ihre früheste Erinnerung an diese Zeit des Ankommens?
Ich erinnere mich sehr gut an den ersten Tag in Bazenheid. Die anfängliche Anspannung löste sich rasch auf, weil ich sofort zwei Freunde fand. Prägend war auch die Deutschklasse, in der Kinder aus mehreren Jahrgängen gemeinsam unterrichtet wurden – eine interessante, aber auch etwas eigenartige Erfahrung. Ein Jahr später zogen wir nach Wil. Seither habe ich die Stadt nie wirklich verlassen, auch wenn ich beruflich meist in Zürich war. Wil ist meine Heimat geworden. Ich merke das immer dann, wenn jemand Wil kritisiert – dann schaltet bei mir unbewusst ein Verteidigungsmodus ein, fast wie bei einem hartgesottenen Fan eines Fussballvereins.
Sie sind in Wil aufgewachsen – einer Stadt, die stark von Industrie und Migration geprägt ist. Wie hat diese Umgebung Sie geprägt?
In den ersten Schuljahren in der Tonhalle habe ich davon wenig gespürt. Ich war glaube ich zu Beginn sogar der einzige Schüler ohne Schweizer Pass in meiner Klasse. Das änderte sich in der Oberstufe Lindenhof. Dort erlebte ich die geballte Vielfalt von Wil, aber auch die feinen Unterschiede. Mir wurde bewusst, dass die Bevölkerung je nach Quartier, Schulklasse oder sozialer Schicht anders zusammengesetzt ist. Ich sah, dass es einen Unterschied macht, ob man in die Sekundar- oder Realklasse geht, ob man im Nord- oder Südquartier wohnt. Diese Beobachtung hat mich politisiert: Mir wurde klar, dass diese Muster eine Struktur haben und dass Chancengleichheit keine Selbstverständlichkeit ist.
Gab es in Ihrer Kindheit oder Jugend einen Moment, in dem Sie gespürt haben: Chancengleichheit ist nicht für alle selbstverständlich?
Ich habe als Jugendlicher gemerkt, dass ich mich oft mehr beweisen musste. Dass mein Name und meine Herkunft manchmal schneller bewertet wurden als meine Leistung. Ich musste diese Vorurteile aktiv entkräften. Das ist kein Schweizer Sonderfall, aber es hat mich sensibilisiert. Aus dieser persönlichen Betroffenheit wuchs die politische Überzeugung: Das will und muss ich ändern.
Ihre Familie kam als Migrantenfamilie in die Schweiz. Welche Werte haben Ihnen Ihre Eltern mitgegeben, die Sie heute in der Politik begleiten?
Vor allem vier Dinge: harte Arbeit, Verantwortung, Demut und Respekt. Meine Eltern haben unglaublich hart gearbeitet, um uns ein stabiles Leben zu ermöglichen. Gleichzeitig haben sie uns beigebracht, dass man sich nicht nur um sich selbst kümmert, sondern auch Verantwortung für die Gesellschaft trägt. Diese Haltung begleitet mich bis heute. Nur weil es mir persönlich gut geht, heisst das nicht, dass die Welt für alle in Ordnung ist. Dieses Bewusstsein wachzuhalten, ist ein zentraler Antrieb für meine politische Arbeit.
Sie sagen selbst, Ihr Sinn für mehr Gerechtigkeit habe Sie früh politisiert. Wann haben Sie gemerkt: Ich will mich nicht nur aufregen, ich will etwas verändern?
Der entscheidende Moment war die Einbürgerung. Erst mit dem Schweizer Pass in der Hand hatte ich das Gefühl, nicht nur dazuzugehören, sondern auch wirklich etwas bewegen zu können. Es war der Übergang vom Beobachter zum Gestalter. Von da an war für mich klar, dass ich diese Möglichkeit nutzen will.
Seit 15 Jahren sind Sie politisch aktiv – vom Stadtparlament in Wil bis jetzt in den Nationalrat. Was war auf diesem Weg die grösste Hürde?
Die grösste Hürde ist die Langsamkeit der politischen Mühlen. Um selbst kleine Erfolge zu erzielen, braucht es enormes Engagement und einen langen Atem. Ich bin von Natur aus ein ungeduldiger Mensch. Im Beruf war das oft ein Vorteil, der mich schnell vorangebracht hat. In der Politik musste ich erst lernen, mit dem Frust umzugehen, dass sich die Dinge oft quälend langsam bewegen.
2015 kandidierten Sie zum ersten Mal für den Nationalrat – Listenplatz 9, kaum bekannt, wenig Budget. Was hat Sie damals trotzdem antreten lassen?
Die tiefe Überzeugung, dass meine Kandidatur eine Signalwirkung haben kann. Damals gab es im Nationalrat kaum Menschen mit Migrationsgeschichte, obwohl sie über ein Drittel der Erwerbstätigen ausmachen. Diese Schere zwischen der Realität im Land und der Repräsentation im Parlament hat mich angetrieben. Dann passierte etwas, das meine kühnsten Erwartungen übertraf: Mein anfängliches Team von drei Personen wuchs und wuchs, bis über hundert Menschen spontan Plakate aufhängten und mobilisierten. Das hat mir gezeigt, dass meine Kandidatur einen Funken entfacht hatte und gab mir die Motivation, vier Jahre später wieder anzutreten.
Sie haben einmal gesagt: Politik sei kein Sprint, sondern ein Zehnkampf. Welche Disziplin dieses Zehnkampfs fiel Ihnen persönlich am schwersten?
Ganz klar: Geduld und das richtige Timing. Man kann unglaublich viel arbeiten, und trotzdem dauert es manchmal Jahre, bis sich das richtige politische Zeitfenster für ein Anliegen öffnet. Man muss lernen, dranzubleiben und weiterzumachen, auch wenn der Erfolg nicht sofort sichtbar ist.
Drei Wahlkämpfe, zweimal erster Ersatz – gab es Momente, in denen Sie ans Aufhören gedacht haben?
Natürlich gab es solche Momente. Aber für mich war immer klar: Wenn ich aufhöre, bleibt eine Lücke. Die Themen, für die ich stehe – Chancengleichheit, ein faires Bürgerrecht ohne Willkür, eine starke Beziehung zu Europa und Zukunftsthemen wie KI – verschwinden ja nicht einfach. Die Überzeugung, dass diese Anliegen eine Stimme brauchen, hat mich immer wieder motiviert, weiterzumachen.
Was hat Ihnen in all den Jahren die Kraft gegeben, immer wieder weiterzumachen?
Zwei Dinge. Erstens die intrinsische Überzeugung: Ich sehe Ungerechtigkeiten, die mich nicht loslassen. Zweitens der Zuspruch von aussen. Menschen, die mir auf der Strasse für meinen Einsatz danken. Das hat mich immer sehr berührt. Und mein Team, das teilweise seit 2015 dabei ist. Diese Menschen kämpfen nicht für mich, sondern mit mir für eine gemeinsame Sache. Diese Kombination aus innerem Antrieb und äusserer Unterstützung ist unbezahlbar.
Sie setzen sich stark für Chancengleichheit ein. Wo sehen Sie in der Schweiz heute die grössten Ungleichheiten?
Vor allem in drei Bereichen: Erstens beim Bürgerrecht. Rund 27 Prozent der Bevölkerung haben keinen Schweizer Pass und damit keine politische Stimme. Das ist ein demokratisches Paradox. Zweitens bei der Antidiskriminierung – sei es strukturell, auf dem Arbeitsmarkt oder bei Behörden. Und drittens beim Zugang zur Digitalisierung. Die Frage, wer von KI und Innovation profitiert und wer abgehängt wird, müssen wir jetzt politisch gestalten.
Mit der Demokratie-Initiative sagen Sie: «Vier Viertel machen die Schweiz aus.» Was meinen Sie damit konkret?
Rund ein Viertel der Menschen, die hier leben, arbeiten und Steuern zahlen, haben kein Bürgerrecht. Sie gestalten diese Gesellschaft täglich mit, sind aber von der politischen Mitbestimmung ausgeschlossen. Eine Demokratie, die einen so grossen Teil ihrer Bevölkerung nicht mitentscheiden lässt, ist keine vollständige Demokratie. Die Initiative fordert deshalb faire, objektive und nachvollziehbare Kriterien für die Einbürgerung – ohne Schikane und Willkür
Sie wollen sich im Nationalrat für ein «faires Bürgerrecht ohne Willkür» einsetzen. Was läuft im heutigen System aus Ihrer Sicht falsch?
Das System lässt zu viel Raum für Ermessen und Willkür. Die Kriterien werden von den Gemeinden uneinheitlich angewendet, die Gebühren variieren stark, und was genau unter ‹Integration› verstanden wird, ist oft unklar. Ich habe über 15 Jahre lang Menschen bei Einbürgerungsrekursen begleitet und gesehen, wie willkürliche Ablehnungen tiefe Narben hinterlassen. Menschen, die ihr Leben hier aufgebaut haben, werden abgewiesen – nicht weil sie die Anforderungen nicht erfüllen, sondern weil das System ihnen gegenüber nicht fair ist.
Mit fast 40 Jahren beginnt für Sie nun ein neues Kapitel im Nationalrat. Was wollen Sie in den nächsten vier Jahren unbedingt erreichen?
Ich habe vier klare Prioritäten: Erstens, die Demokratie-Initiative voranbringen und das Einbürgerungsrecht modernisieren. Zweitens, eine kohärente nationale KI-Strategie mitgestalten, die Grundrechte schützt und Innovation fördert. Drittens, die Beziehung zur EU und der Welt aktiv mitzugestalten. Und viertens, Antidiskriminierung als Fundament einer gerechten Gesellschaft im politischen Diskurs verankern.
Wenn ein junger Mensch mit Migrationsgeschichte heute zu Ihnen sagt: «Politik ist nichts für Leute wie mich» – was antworten Sie ihm?
Ich würde sagen: Genau deshalb ist Politik etwas für dich. Politik sollte die Realität der gesamten Bevölkerung abbilden. Wenn deine Perspektive fehlt, entscheiden andere über dich und für dich. Deine Stimme und deine Erfahrungen werden gebraucht. Wenn du sie nicht erhebst, kannst du nicht ändern, was dich stört.
Welche Termine stehen nun als erste in Ihrer politischen Agenda?
Am 27. April beginnt die Sondersession, und die Demokratie-Initiative steht in dieser Woche auf der Traktandenliste. Aller Voraussicht nach werde ich dann meine erste Rede im Nationalrat halten – zu einem Thema, das mich seit 20 Jahren begleitet. Dass dies gleich in meiner ersten Session geschieht, ist eine besondere Fügung und ein starkes Zeichen.
Lui Eigenmann
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