Lukas Tribelhorn
verrät, wie es nach der Niederlage von «Wil will wohnen» weitergeht.
In der Stadt Wil nisten zurzeit bedrohte Vogelarten. Der Umweltingenieur Roland Risch nimmt deren Niststätten auf, damit die Stadt Förder- und Vollzugsmassnahmen zum Schutz der Vögel treffen kann.
Wil Die Sonne steht beim Beginn des heissen Sommertages trotz früher Stunde bereits hoch am Himmel, als Roland Risch vergangenen Dienstagmorgen mit Feldstecher und Stadtplan an der Südseite des Bahnhofs Wil steht. Seinen Blick hat der Umweltingenieur auf das obere Ende des hellgelben Gebäudes an der Hubstrasse 24 gerichtet. Erst beim zweiten Hinsehen ist zu erkennen, worauf der Fokus seiner Aufmerksamkeit liegt: An der Dachtraufe des Gebäudes sind unzählige Löcher zu erkennen. «Im Traufkasten nistet eine Mauerseglerkolonie», erklärt Risch. Er und 15 ehrenamtliche Helferinnen waren in den vergangenen drei Wochen in der ganzen Stadt Wil unterwegs, um möglichst alle Nistplätze der Vogelart zu erfassen. «Wir befinden uns hier an einem Mauersegler-Hotspot. Rund um das Gebäude wurden über 50 solcher Nistlöcher gemacht.»
Roland Risch ist bereits seit drei Jahren für das Zürcher Beratungsunternehmen für Biodiversität in vielen Gemeinden unterwegs, um verschiedene Vogelarten zu kartieren. In der Äbtestadt liegt der Fokus auf den sogenannten Gebäudebrütern, also auf Vögeln, die Häuserfassaden und Dächer als Nistplatz nutzen. Einer davon ist der Mauersegler. «Die Art gehört zu den potenziell bedrohten Vogelarten», weiss Risch. «Aufgrund der heutigen Bauvorschriften werden bei Sanierungsarbeiten alle Löcher an einer Fassade zugemacht – der Mauersegler findet deshalb immer schwerer einen Nistplatz.» Die Kartierung der Mauersegler und weiterer Gebäudebrüter sei Teil des Naturförderprogramms der Stadt Wil aus dem Jahr 2021, so Géraldine Fontana, Projektleiterin Umwelt der Stadt Wil. Die Übersicht über die Niststandorte der Vogelart soll der Baubehörde als Grundlage für den Vollzug von Naturschutzmassnahmen dienen: «Die Nistplätze der Art sind per Natur- und Heimatschutzgesetz geschützt», erklärt Roland Risch. «Wer an seinem Gebäude einen Nistplatz hat, der ist verpflichtet, diesen auch nach baulichen Massnahmen wieder zur Verfügung zu stellen. Ist es nicht möglich, die Bau- oder Sanierungsarbeiten ausserhalb der Brut- und Nistzeit zu terminieren, so muss während der Bauphase für Ersatznistplätze gesorgt werden.» Mit einer Übersicht über die Standorte der Gebäudebrüterkolonien kann die Baubehörde mit den Bauherren in Kontakt treten und den Erhalt der Nistmöglichkeit sicherstellen. «Gebäudebrüter sind sehr standorttreu», erklärt Roland Risch. «Wird der Nistplatz eines Vogelpaares zerstört, lassen sie womöglich die Brut ausfallen. Das würde sich negativ auf die Population auswirken.»
Plötzlich erfüllt ein aufgeregtes Zwitschern die warme Morgenluft: Eine Mauerseglerkolonie ist im Anflug. Die kleinen Vögel nähern sich rasch dem Gebäude und schiessen wieder und wieder nur wenige Zentimeter an der hellgelben Fassade vorbei – ein unverkennbares Zeichen, dass die Kolonie hier nistet, weiss Roland Risch. Beim genauen Hinhören ist zwischen den Rufen der erwachsenen Vögel das hohe Piepsen ihrer Brut erkennbar. «Die Eltern sind ganz früh am Morgen losgeflogen, haben in der Luft Insekten gesammelt und füttern damit nun ihren Nachwuchs», erklärt der Umweltingenieur. Danach würden die Mauersegeler sofort wieder losfliegen. Mauersegler verbringen ihre gesamte Lebenszeit in der Luft – das Brutgeschäft sei die einzige Ausnahme. Und tatsächlich: Es dauert keine Minute, bis der Elternvogel das Nest nach dem Einflug wieder verlässt. «Die Mauersegler schlafen auch in der Luft», weiss Risch. «Dazu schalten sie beim Fliegen eine Hirnhälfte aus – ähnlich wie die Delfine beim Schwimmen. Das ist praktisch, wenn man weite Distanzen zurücklegen muss.» Mauersegler legen jährlich bis zu 190‘000 Kilometer zurück. Sobald die Küken flügge geworden sind, fliegen die Vögel zum Überwintern zurück nach Afrika. Erst Mitte April nächstes Jahr werden die Gebäudebrüter wieder in die Schweiz zurückkehren – an denselben Nistplatz.
Linda Bachmann
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