Ramon Gschwend
fährt in einer 16-tägigen Rallye bis ans Nordkap+.
Laut Peter Lötscher steht derzeit die nationale Kampagne «Game-Changer» im Mittelpunkt, die auf die Problematik der Geldspielsucht aufmerksam macht. le
Die anstehende Fussball WM sorgt weltweit für Euphorie und für einen Boom bei Sportwetten. Was für viele harmloser Nervenkitzel ist, kann schnell zur Sucht werden. Die Suchtberatung Region Wil warnt vor den Risiken.
Wil Wenn die Fussball WM beginnt, steigt nicht nur die Spannung auf dem Platz. Auch die Wettanbieter rechnen mit Hochbetrieb. Während Millionen Fans auf Tore und Siege hoffen, wächst gleichzeitig die Gefahr, dass aus gelegentlichen Sportwetten eine Sucht entsteht. Peter Lötscher, Stellenleiter der Suchtberatung Region Wil, beobachtet diese Entwicklung mit Sorge. «Sportwetten wirken oft harmloser als andere Glücksspiele, weil der Begriff Sport grundsätzlich positiv besetzt ist», sagt der Sozialarbeiter. Genau darin liege jedoch ein grosses Risiko.
Die Zahlen zeigen, wie stark der Markt in den vergangenen Jahren gewachsen ist. Der Bruttospielertrag aus Sportwetten stieg in der Schweiz innerhalb von sechs Jahren von rund 34 Millionen Franken im Jahr 2018 auf 237 Millionen Franken im Jahr 2024. Gleichzeitig weisen laut aktuellen Erhebungen rund 4,3 Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren einen problematischen Geld- oder Glücksspielkonsum auf. Das entspricht schweizweit rund 300'000 bis 400'000 Personen. Auch in der Region Wil macht sich die Entwicklung bemerkbar. Besonders Online Casinos, Sportwetten und selbst Rubbellose vom Kiosk beschäftigen die Beratungsstellen zunehmend. «Die zahlreichen Online Angebote haben den Zugang massiv erleichtert», erklärt Lötscher. Glücksspiel sei heute rund um die Uhr verfügbar. Mit wenigen Klicks könne jederzeit und überall gespielt werden. Gerade diese ständige Verfügbarkeit erhöhe die Gefahr, die Kontrolle zu verlieren. Hinzu komme, dass sich Glücksspielelemente immer häufiger in Games, Apps oder sozialen Medien finden. Vor allem junge Menschen seien dadurch gefährdet. «Was auf den ersten Blick harmlos erscheint, kann problematisch werden», sagt Lötscher. Besonders junge Männer würden häufiger Hilfe benötigen, betroffen seien jedoch grundsätzlich alle Altersgruppen.
Der Weg in die Sucht verlaufe oft schleichend. Anfangs stehe meist der Nervenkitzel oder die Hoffnung auf einen Gewinn im Vordergrund. Im Gehirn funktioniere Geldspielsucht ähnlich wie eine Abhängigkeit von Substanzen. «Es ist der Kick wie bei einem Schuss Heroin», sagt Lötscher. Durch das Spielen würden Glückshormone wie Dopamin oder Serotonin ausgeschüttet, dazu komme ein regelrechter Adrenalinschub. Mit der Zeit beginne ein gefährlicher Kreislauf. Betroffene spielen weiter, obwohl sie bereits Geld verloren haben. Verluste sollen möglichst rasch zurückgewonnen werden. Viele hoffen auf den einen grossen Gewinn, der alle Probleme lösen soll. Gleichzeitig entsteht häufig die Vorstellung, man könne das Glücksspiel beeinflussen oder kontrollieren. Die Folgen reichen weit über finanzielle Probleme hinaus. Menschen mit Geldspielsucht beschäftigen sich gedanklich ständig mit dem Spielen, auch während der Arbeit oder in der Familienzeit. Beziehungen leiden darunter, nicht selten ziehen sich Betroffene immer stärker zurück. Hinzu kommen Schlafprobleme, Stimmungsschwankungen, Nervosität oder Depressionen. Besonders erschütternd seien jene Fälle, in denen Menschen keinen Ausweg mehr sehen. «Im schlimmsten Fall können sogar Suizidgedanken auftreten. Ich hatte gerade jemanden in der Beratung, der mir erzählt hat, dass er sich wegen der Geldspielsucht das Leben nehmen wollte. Das ist schlimm zu hören», sagt Lötscher.
Auch Angehörige geraten oft an ihre Grenzen. Viele erleben Hilflosigkeit, Existenzängste oder grosse Verzweiflung. Besonders belastend sei die Situation in Familien mit Kindern. Die Suchtberatung Region Wil bietet deshalb nicht nur Unterstützung für Betroffene, sondern auch für Angehörige an. Laut Lötscher werde die Spielsucht häufig verdrängt oder verharmlost. Dabei seien die Erfolgschancen deutlich besser, wenn früh Unterstützung in Anspruch genommen werde. Bereits ein erstes Gespräch könne entlastend wirken und helfen, Sorgen und Ängste zu teilen. Mit der Kampagne «Game Changer» möchte die Suchtberatung Region Wil deshalb sensibilisieren und Betroffene ermutigen, sich Hilfe zu holen. Denn obwohl die Beratungsstelle jährlich nur fünf bis zehn Personen wegen Geldspielsucht begleitet, geht Lötscher von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus. Sein Rat an Menschen, die bei sich selbst oder im Umfeld problematisches Verhalten erkennen, ist klar: «Das Wichtigste ist, den ersten Schritt zu machen und sich Unterstützung zu holen.»
In der Region gibt es folgende Hilfsangebote: Telefonberatung: 24h, kostenlos, anonym 0800 040 080. Suchtberatung Region Wil Tel. 071 913 52 72. Mehr Infos: direkt unter: www.sbrw.ch oder unter www.game-changer.ch
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