Aurora Veseli
beantwortet
diese Woche die Fragen im WN-Lehrlings-Domino.
«Der mit dem Tüechli»: Reto Antenen besitzt nicht weniger als 80 Exemplare seines Markenzeichens, viele davon sind Geschenke. le
Mit drei Nationalräten und einer Bundesrätin zählt Wil zu den Schwergewichten im Kanton. Politexperte Reto Antenen erklärt, wie die Wahlen über die Region hinaus Beachtung finden, welche Parteien punkten und wo Schwächen liegen.
Wil Reto Antenen, ist diese Wahl in Wil einfach eine Ersatzwahl nach dem Rücktritt von Hans Mäder, oder steckt politisch mehr dahinter?
Mit derzeit drei Nationalräten und sogar einer Bundesrätin verfügt Wil über beachtliches politisches Gewicht beim Bund und Kanton. Zusätzliche Aufmerksamkeit erhält die Stadt nun durch die bevorstehenden Wahlen, bei denen auch Nationalrat Lukas Reimann mitmischt. Entsprechend dürfte das Interesse an den Wahlen auch über die Region Wil hinaus vorhanden sein.
Was sagt diese Wahl über die aktuelle politische Stimmung in Wil aus?
In Wil tritt das politische Spektrum breit auf, von links bis rechts , doch auffällig ist die anhaltende Stärke der Mitte. Trotz wiederholter Niederlagen in anderen Regionen hat sie in Wil eine gewisse Konstanz bewahrt und überrascht damit durch ihre beständige Präsenz. Ein klarer Schwachpunkt zeigt sich hingegen bei der SP: Obwohl die Partei mit einer Wiler Nationalrätin und einem Nationalrat eigentlich prominent vertreten ist, stellt sie bei den kommenden Wahlen niemanden auf, was ihre Position in der Region deutlich schwächt.
Welche Eigenschaften muss ein Stadtpräsident in Wil heute mitbringen?
In der politischen Führung ist eine Balance gefragt: Einerseits sollen Politiker offen kommunizieren und auf Menschen zugehen, andererseits müssen sie entscheidungsfreudig sein. Mitwirkungsverfahren mögen zwar Beteiligung fördern, sie können aber auch die Unsicherheit einer Regierung offenbaren. International zeigt sich, dass erfolgreiche Führungspersönlichkeiten eher bereit sind, klare Entscheidungen zu treffen – auch auf lokaler Ebene darf man entschlossen handeln, selbst wenn dabei gelegentlich Widerstand oder Kritik entsteht.
Andreas Breitenmoser und Jigme Shitsetsang kommen beide aus dem Stadtrat. Wie verändert das den Wahlkampf, wenn zwei bisherige Regierungskollegen nun gegeneinander antreten?
Persönliche Angriffe oder ein Wahlkampf unter der Gürtellinie sind durch die Freundschaft nicht zu erwarten – dafür sind die Parteien zuständig. Dennoch vermisst man, dass auch kritische Punkte offen angesprochen werden. Es wäre wichtig, nicht nur Harmonie zu wahren, sondern auch Fehler oder Schwächen zur Sprache zu bringen, natürlich sachlich und ohne persönliche Konfrontation.
Michael Sarbach kandidiert gleichzeitig für den Stadtrat und das Stadtpräsidium. Ist das ein Zeichen von Aufbruch und Selbstbewusstsein, oder eher ein Risiko?
Jede Kandidatur birgt ein Risiko, besonders, wenn es um zwei Ämter gleichzeitig geht. Dass er sich sowohl für den Stadtrat als auch für das Stadtpräsidium zur Wahl stellt, zeugt von Mut und Selbst-bewusstsein. Sollte er das Stadtratsmandat sichern, könnte ein zweiter Wahlgang notwendig werden. Eine Herausforderung wird es für sein Team sein, den Wählerinnen und Wählern klar zu vermitteln, dass beide Stimmen entscheidend sind, wenn er Stadtpräsident werden möchte.
Wie schätzen Sie die Chancen der Grünen Prowil auf das Stadtpräsidium ein?
In Zürich gibt es zahlreiche Gemeinden von ähnlicher Grösse wie Wil, einige davon werden von Grünen geleitet. Rein vom Potenzial und der Grösse der Stadt her wäre also ein Wahlerfolg durchaus möglich. Für ein Exekutivamt ist vor allem der Bekanntheitsgrad entscheidend – und den bringt er mit. Zudem gilt er als pragmatischer Grüner, nicht als ideologisch starrer «Fundi», wie man sie etwa in St.Gallen findet. Diese Ausrichtung dürfte ihm bei den bevorstehenden Wahlen erheblich zugutekommen.
Lukas Reimann ist national bekannt, tritt aber für ein lokales Exekutivamt an. Was muss er zeigen, damit er in Wil nicht als Nationalpolitiker, sondern als Wiler Stadtrat wahrgenommen wird?
Er wird eindeutig als Politiker wahrgenommen – und das ist er auch. Entscheidend ist jedoch, wie er sich auf dieser Bühne verkauft. Mit seiner jüngsten Motion, Velodiebe härter zu bestrafen, konnte er in Bern einen Erfolg verbuchen – ein Thema, das auch in Wil von Relevanz ist. Seine Kandidatur lässt sich wohl auf zwei Gründe zurückführen. Erstens: Er ist ein junger Nationalrat und wird, wie viele andere, irgendwann seine politische Laufbahn in Bern abgeschlossen haben. Die Erfahrung zeigt, dass Politiker nach Jahren in den Räten das Bedürfnis entwickeln, neue Aufgaben zu suchen. Zweitens könnte es ein «Versuchsballon» sein, um langfristig in die Regierung zu gelangen – schliesslich dürfte ihm die Perspektive nur mit Wil allein nicht genügen.
Reimann kandidiert für den Stadtrat, nicht für das Stadtpräsidium. Ist das die richtige strategische Entscheidung?
Mich erstaunt es. Wenn schon, dann schon, sage ich da nur. Als Präsident hätte Lukas Reimann viel mehr zu sagen, mehr Macht und einen spannenderen Job.
Falls es zu einem zweiten Wahlgang kommt: Wie müsste Reimann sein Auftreten verändern, um über die SVP-Basis hinaus wählbar zu werden?
Er sollte nicht als Hardliner auftreten, sondern integer bleiben, um auch über die SVP hinaus Wählerstimmen zu gewinnen. Offensichtlich schätzt das Wahlvolk Sensibilität bei der Auswahl von Kandidierenden für ein Exekutivamt – ein Grund, warum die SVP es oft schwerer hat. Wichtig ist, «gmögig» zu sein, also zugänglich und umgänglich im Umgang mit den Leuten.
Die SP tritt nicht mit einer eigenen Kandidatur für das Stadtpräsidium an. Ist das strategischeZurückhaltung, Realismus oder eine verpasste Chance?
Das zeigt eine klare Schwäche: Mit zwei Nationalräten aus Wil hätte die Partei, etwa mit Barbara Gysi, eigentlich starke Optionen für das Stadtpräsidium gehabt. Auch Dario Sulzer wäre für mich eine denkbare Option gewesen. Eine alternative Strategie hätte darin bestehen können, einen jungen Kandidaten aufzubauen und langfristig zu fördern.
Falls es zu einem zweiten Wahlgang kommt: Welche Parteien oder Wählergruppen könnten dann zum Zünglein an der Waage werden?
Die Konstellation wird entscheidend sein: Es kommt stark darauf an, wie das Stimmenverhältnis nach dem ersten Wahlgang aussieht. Ich gehe davon aus, dass ein zweiter Wahlgang sehr wahrscheinlich ist.
Bei dieser Wahl kandidiert keine Frau für Stadtrat oder Stadtpräsidium. Was sagt das über die Wiler Politik aus?
Dass die SVP kaum Frauen nominiert, ist bekannt. In diesem Fall wäre es aber die Aufgabe der SP gewesen, diese Lücke zu füllen. Heute gilt es eigentlich als Pflicht, mindestens eine Frau ins Rennen zu schicken, zum Beispiel eben Barbara Gysi.
Zeigt diese Wahl die Stärke der Wiler Parteien, oder eher ihre Schwäche bei Nachwuchs, Vielfalt und Repräsentation?
Wenn man den Kanton betrachtet, fällt auf, dass die Parteien – von links bis rechts – beim Aufbau einer Kandidatin oder eines Kandidaten für ein Amt, etwa für die Regierung, nach wie vor Fehler machen. Ein erfolgreicher Wahlkampf entsteht nicht einfach drei oder vier Monate vor der Wahl, sondern über Jahre hinweg. Kandidierende müssen zu den wichtigsten politischen Anliegen Stellung beziehen und gleichzeitig Bekanntheit aufbauen – ein Prozess, der Zeit braucht. In diesem Bereich könnten die Parteien deutlich mehr leisten.
In mehreren Ostschweizer Gemeinden ist es schwierig, Kandidierende für Gemeindepräsidien zu finden. Gleichzeitig treten in Wil mehrere bekannte Namen an. Ist Wil ein positives Gegenbeispiel, oder müssen auch hier die Parteien immer aktiver rekrutieren?
Wil verfügt definitiv über eine interessante Auswahl an Kandidaten für diese Wahl. Die Namen sind spannend und dürften auch die Bevölkerung ansprechen. Was jedoch fehlt, ist – wie bereits erwähnt – eine junge Kandidatin oder ein junger Kandidat, die oder der über die letzten Jahre aufgebaut wurde und Zukunftsperspektiven verspricht.
Wer wird nächster Wiler Stadtpräsident?
Ich denke, dass Andreas Breitenmoser im zweiten Wahlgang zum Stadtpräsidenten gewählt wird. Allerdings besteht die Möglichkeit, dass die Mitte ihren Sitz im Stadtrat verliert, da die Grünen mit Mike Sarbach einen starken Kandidaten stellen, der dieses Amt für sich gewinnen könnte.
Lui Eigenmann
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