Roger Edelmann
hat im Rahmen der Aktionstage gegen Gewalt an Frauen drei Sitzbänke umgestaltet.
Die Josef Keller AG schloss vergangenen Freitag für immer ihre Türen. Das Geschäftsführerpaar Andrew und Andrea Twiddy erzählt, weshalb die Firmengeschichte nach knapp 80 Jahren nun ein Ende findet.
Wil Der Geruch von Lösungsmittel liegt in der Luft. Auf der Hebebühne vor den beiden Spritzkabinen steht ein anthrazitfarbener Oldtimer, an den Lackierhaken daneben hängen die knallgelben Einzelteile eines Töfflis. Vergangenen Montag sah es in der Werkstatt der Josef Keller AG an der St.Gallerstrasse 78 so aus, als würde die Arbeit nach dem Wochenende gleich wieder aufgenommen werden. Doch Lackierer waren weit und breit keine in Sicht. «Heute ist der erste Arbeitstag nach dem offiziellen Betriebsschluss am 31. Oktober», sagt Andrea Twiddy. «Ende des Jahres muss die Liegenschaft geräumt sein», fügt ihr Mann, Andrew Twiddy, an.
Vor zehn Jahren hat das Ehepaar das Spritzwerk von Andreas Onkel, Guido Keller, übernommen und so die damalige Betriebsschliessung verhindert. «Ich hatte bereits viele Jahre im Familienbetrieb gearbeitet, als mein Onkel mir im Frühjahr 2015 das Kündigungsschreiben für die Mitarbeitenden und die Information für die Kunden zum Korrekturlesen auf den Tisch legte», erinnert sich die 58-jährige Wilerin. Das Unternehmen, das ihr Grossvater aufgebaut hatte, stand damals kurz vor seinem 70-jährigen Jubiläum. «Eine Schliessung wäre auf keinen Fall in seinem Sinn gewesen», so die Geschäftsführerin. «Ausserdem kannte ich die Zahlen der Firma.» Noch am selben Abend habe das Ehepaar Hals über Kopf beschlossen, das Spritzwerk zu übernehmen. Am Tag darauf wurden die Mitarbeitenden über die neue Geschäftsführung informiert. «Es ging damals alles Schlag auf Schlag», erinnert sich Andrew Twiddy. «Aber wir haben den Schritt nie bereut.»
Über 1,5 Millionen Franken hat das Paar laut eigenen Angaben in das Unternehmen investiert: darunter in eine Wasseraufbereitungsanlage, die eine nachhaltigere Produktion ermöglicht. «Das Wasser ist bei uns in einem geschlossenen Kreislauf, wodurch wir kein Abwasser produzieren und die Umwelt damit nicht belasten», erklärt der Geschäfts-führer. Dazu sei man in den vergangenen Jahren auf eine komplett chromfreie Oberflächenvorbehandlung umgestiegen. Für diese Bemühungen sei die Josef Keller AG sogar vom deutschen Fraunhofer-Institut mit einem Award «Besser Lackieren» ausgezeichnet worden, betont der 59-Jährige stolz. «Wir haben vieles richtig gemacht», fügt seine Frau an. Dies sei auch an den langjährigen Beziehungen zur Kundschaft abzulesen. «Wir haben viel Wertschätzung erhalten. Es sind nicht nur erfolgreiche Geschäftsbeziehunge, sondern auch schöne Freundschaften entstanden.»
Trotz der anhaltend hohen Zahl an Aufträgen haben Andrea und Andrew Twiddy Anfang des Jahres entschieden: Sie wollen in naher Zukunft kürzertreten. «Wir hatten nicht selten eine Sieben-Tage-Woche», sagt die Unternehmerin. «Mit knapp 60 Jahren wollen wir uns auch anderen Dingen widmen.» Das Paar habe deshalb nach einer Nachfolge gesucht. Der Plan sei es gewesen, so Andrew Twiddy, das Unternehmen nach und nach an eine neue Geschäftsführung zu übergeben. «Wir hätten mehrere Interessenten gehabt, die das Unternehmen weiterführen wollten», sagt der 59-Jährige. Doch der Eigentümer der Liegenschaft an der St.Gallerstrasse, Guido Keller, möchte das Areal umnutzen und stimmte einem längerfristigen Mietvertrag an Drittpersonen nicht zu. «Für uns sind die Gründe nicht nachvollziehbar und wir bedauern dies», betont das Paar.
Ihre Mitarbeitenden hat das Geschäftsführerpaar bereits vor den Sommerferien informiert. «Trotzdem haben sie uns alle bis zum Schluss die Stange gehalten», so Andrew Twiddy. Umso schwerer sei der Abschied gefallen. «Es sind einige Tränen geflossen», verrät seine Frau. Von den 20 Mitarbeitenden sind sechs noch bis Jahresende angestellt, um dem Paar beim Ausräumen zu helfen. Darunter der Angestellte, Pasquale, der nahezu 50 Jahre bei der Josef Keller AG beschäftigt war. «Den Kontakt mit den Mitarbeitenden und Kunden werden wir sehr vermissen», sagt die Unternehmerin. Zum Glück hätten die Handwerker kein Problem, eine Anschlusslösung zu finden. Was für Andrea und Andrew Twiddy folgt, haben die beiden noch nicht genau geplant. Zuerst müsse bis Ende des Jahres so viel wie möglich liquidiert und das Geschäft abgeschlossen werden, betont Andrew Twiddy. Dafür findet am kommenden Samstag ein Rampenverkauf statt. «Danach wollen wir unsere Überzeit und die
Ferien der letzten zehn Jahre beziehen», schmunzelt seine Frau. Im Vordergrund stehe erst einmal das Reisen und die Zeit zu zweit. «Was danach kommt, lassen wir bewusst noch offen.»
Linda Bachmann
Lade Fotos..