Ramon Gschwend
fährt in einer 16-tägigen Rallye bis ans Nordkap+.
Karateka An Polimeno in der Haltung beim Sitzen, die «Seiza» heisst. jis
Die 45-jährige An Polimeno hat ihr Leben ganz dem Karate verschrieben. Obwohl sie viele Erfolge einfahren konnte, ist es ihr ein Anliegen, Wissen an die heranwachsende Generation weiterzugeben. Bald steht sie mit ihrer Familie das erste Mal gemeinsam auf der Matte an der Meisterschaft in ihrem Heimatland Belgien.
KarateAn Polimeno, Sie wurden in die Sirnacher Ehrengalerie aufgenommen wegen Ihres fünften Platzes ander Karate-WM in Tokio in der Disziplin Kata Damen. Könnten Sie uns mehr darüber erzählen und uns auf diese Reise nach Tokio mitnehmen?
Die Reise im Herbst nach Tokio war eine unglaubliche Erfahrung, denn es war gleichzeitig auch mein Abschied. Die Selektion war nicht einfach, da nur die besten sechs der EM qualifiziert waren. Die dritte Runde gegen die amtierende Weltmeisterin war zwar hart, aber ich habe alles gegeben. Die Stabilität und die hohen Kicks haben meine Chancen aufgrund einer Verletzung ein wenig beeinträchtigt. Dennoch war es für mich ein schöner Abschluss von internationalen Wettbewerben im Profibereich.
Für Sie geht es demnächst an die belgischen Meisterschaften. Sie starten dort mit Ihrem Mann Luigi und der gemeinsamen Tochter als Team. Wie ist es, als Familie auf der Wettkampfmatte zu stehen?
Ein 3er-Team aus der gleichen Familie ist sehr aussergewöhnlich. Der Spass an der Vorbereitung steht bei uns im Fokus. Der Abschied von der grossen Wettkampfbühne fällt nicht so schwer, denn ich nehme weiterhin als Coach der Nationalmannschaft hautnah daran teil. Unsere Tochter Yara wird zum ersten Mal an der EM teilnehmen, und es ist eine Ehre, dass sie nun auch ein Teil des Schweizer Teams ist. Wir begleiten sie nicht nur als Eltern, sondern auch als Trainer und Coaches. Ich freue mich besonders auf die kommenden gemeinsamen Erlebnisse in meiner Heimat Belgien.
Seit Jahren machen Sie Karate. Wie sind Sie zum Karate gekommen und was hat Sie an dieser Kampfkunst fasziniert?
Ich habe während meiner Jugend in Belgien schon immer geturnt und früh Interesse an Judo gehabt. Mit 14 Jahren habe ich mit meiner besten Freundin mit Karate angefangen. Das hat mich sofort gepackt. Karate und Turnen haben sich in den sechs darauffolgenden Jahren perfekt ergänzt. Die Mischung aus Disziplin, Körperbeherrschung und Kraft hat mich fasziniert. Karate ist nicht nur Selbstverteidigung, sondern geht durch viele andere Lebensbereiche hindurch.
Welche Grade und Gürtelfarben haben Sie bisher im Karate erreicht und wie lange haben Sie dafür trainiert?
Ich mache seit 32 Jahren Karate und habe den vierten Dan-Schwarzgurt erreicht. Mein Mann Luigi hat sogar den fünften Dan. Weitere Dan-Graduierungen erlangt man durch Engagement innerhalb der europäischen und weltweiten Verbände. Wenn ich gesund bleibe und wenn die Zeit reif ist, kann ich mir vorstellen, irgendwann die letzte Prüfung zum fünften Dan zu absolvieren.
Welche Aspekte des Karatetrainings finden Sie besonders anspruchsvoll oder herausfordernd?
In der heutigen schnelllebigen Gesellschaft ist Kontinuität eine der grössten Herausforderungen. Man muss dranbleiben und aus der Komfortzone raus, um sich weiterzuentwickeln. Wir bieten als Dojoleiter die Infrastruktur, das Know-how und die Rahmenbedingungen, aber es muss jeder für sich seinen Weg gehen wollen. Im Karate hat man wie im Leben nie ausgelernt. Und das Alter spielt auch eine Rolle (schmunzelt). Nur mit Vernunft kann man ein Leben lang Karate trainieren.
Können Sie uns etwas über Ihre bisherigen Wettbewerbserfahrungen im Karate erzählen? Gibt es einen Wettkampf, der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Wettkämpfe begleiten mich schon mein ganzes Leben. Bis 2009 habe ich sehr viel gekämpft und mich anschliessend altersbedingt auf den Katawettbewerb fokussiert. Der Moment, als ich 2017 das erste Mal Europameisterin wurde, bleibt unvergessen. Es kam für mich und viele andere überraschend. Es hat mich sehr gefreut, dass meine Familie und meine engsten Karatefreunden aus der Schweiz, Europa und Japan alle anwesend waren.
Wer war Ihre treibende Kraft in all den Jahren, in denen Sie Karate ausüben?
Mein grösster Ansporn ist mein Mann Luigi. Mit ihm teile ich meine Leidenschaft und seit 15 Jahren leiten wir gemeinsam unser Tomodachi Dojo. Das ist unser grosses Herzensprojekt. Zusammen haben wir viel trainiert und gelernt. Wir haben Höhen und Tiefen erlebt, sowohl als Karatekas wie auch als Paar. Das hat uns noch enger zusammengeschweisst.
Wie hat das Karate Ihr Selbstvertrauen und Ihre Disziplin beeinflusst, sowohl im Training als auch im Alltag?
Durch positive wie auch negative Erlebnisse ausserhalb der Komfortzone wächst man ständig. Es hat mein Selbstvertrauen noch mehr gestärkt und mich zu einem selbstbestimmten Menschen gemacht. Die mentale Stärke, die man beim Karate entwickelt, beeinflusst auch den Alltag positiv. Karate ist mehr als Sport, es ist eine Lebenseinstellung und genau deswegen freue ich mich, andere auf ihrem Weg begleiten zu dürfen.
Gibt es etwas, das Sie gerne an die nächste Generation Karatekas, zum Beispiel an Ihre Tochter, weitergeben möchten?
Erstens möchte ich betonen, dass mentale Stärke und eine positive Einstellung einen viel weiter bringen, als man denkt. «Never give up» steht bei uns im Dojo gross auf der Wand geschrieben. Zweitens sollte man sich nicht nur auf die Ergebnisse bei Turnieren oder Prüfungen konzentrieren, sondern Freude am Weg dorthin haben. Optimalerweise in guter Begleitung mit den Teamkollegen. Und letztens: Handy auf die Seite und rein ins echte Leben.
Von Jan Isler
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