Arjeta Osmani
absolviert derzeit ihre Ausbildung zur Detailhandelsfachfrau.
Lernen in einem ungewöhnlichen Umfeld: Die 25-Jährige Milena Hänsli unterrichtet im «Circus Knie». Die Wilerin erzählt, was der Zirkusalltag für ihre Schulstunden bedeutet.
Wil/Winterthur In der Winterthurer Innenstadt, nahe dem Teuchelweiherplatz, steht über ein Dutzend Zirkuswagen und Container. Einer davon ist das Klassenzimmer von Milena Hänsli. Die 25-jährige Primarlehrerin aus Wil reist seit knapp zwei Jahren mit dem «Circus Knie» durch die Schweiz. Vergangenen Donnerstagvormittag waren nur die Hälfte der Stühle im fahrenden Schulzimmer besetzt: Zwei Primarschüler beugten sich konzentriert über ihre Arbeitsblätter. Aktuell unterrichtet Hänsli fünf Kinder – vom Kindergarten bis zur ersten Oberstufe. «Eine solche Alters- und Leistungsspanne im Schulzimmer erfordert gute Koordination», betont sie.
Bevor die Primarlehrerin zum «Circus Knie» stiess, unterrichtete sie in Schwarzenbach eine gemischte Klasse. «Vom schwachen Drittklässler bis zum starken Viertklässler – ich war es gewohnt, dass die Schere weit auseinander geht», erzählt Milena Hänsli. Doch im Knie-Klassenzimmer funktioniere der Unterricht besser, als sie es sich zu Beginn erhofft hatte. «Die Kinder sind es gewohnt, selbstständig zu arbeiten und, dass sie mit einer Frage auch mal einige Minuten warten müssen», sagt sie. Vor allem dann, wenn die Primarschüler mit der Oberstufenschülerin im selben Klassenzimmer sind.
Der Unterricht findet von Dienstag bis Freitag statt. Anders als an öffentlichen Schulen werden die Lektionen auf vier statt fünf Tage verteilt. «Am Wochenende sind vielfach Shows. Maycol und Chanel Knie stehen dabei selbst in der Manege. Es ist wichtig, dass sie zwischendurch auch Pausen haben», erklärt Milena Hänsli. Den Unterrichtsstoff nach Lehrplan 21 bringe sie trotzdem problemlos unter. «Wir sind sogar schneller, als eine Regelklasse», betont die 25-Jährige. Dies läge an den kurzen Wegen – das Klassenzimmer ist gleichzeitig auch der Werk- und Musikraum – und vor allem an der Entscheidungsfreiheit, die Hänsli in ihrem Job geniesse. «Ich muss mich nicht mit anderen Lehrpersonen absprechen. Deshalb kann ich ganz unabhängig entscheiden, welches Thema wann Sinn macht », so die Wilerin. In intensiven Phasen mit vielen Auftritten, so die Primarlehrerin, achte sie darauf, dass der Unterrichtsstoff etwas einfacher sei. Während der Tourpausen müssten die Kinder dafür etwas mehr lernen. Auch in der zweimonatigen Winterpause werden die Schüler und die Schülerin von Milena Hänsli unterrichtet. Ein Wechsel in eine öffentliche Schule lohne sich für diese kurze Zeit nicht.
Dieses Wochenende gastiert der Zirkus in Milena Hänslis Heimatstadt. «Von meiner Wohnung aus sehe ich die Spitze des Zirkuszelts», verrät sie. Während der Auftritte in der Ostschweiz oder der Tourpausen, wohnt die 25-Jährige in Wil. Die restlichen acht bis neun Monate nennt sie einen Zirkuswagen ihr Zuhause. «Je nach Tourstop, habe ich zwei bis 20 Minuten Arbeitsweg. Manchmal steht mein Wagen fast direkt neben der Schule, manchmal auch am anderen Ende der Stadt», erzählt Hänsli. Die Schule bleibt während der Auftritte in Wil aus Platzgründen in Winterthur. Auf das Verhältnis zu ihren Schülern habe das nahe Zusammenleben im Zirkus keinen Einfluss. «Unsere Wagen sind nie direkt nebeneinander. Tatsächlich sehe ich sie in meiner Freizeit gar nicht so oft», sagt die Lehrerin. «Natürlich achte ich trotzdem auch in meiner Freizeit darauf, wie ich mich kleide oder auftrete. Zudem bin ich die einzige Person im gesamten Zirkus, die von den Kindern nicht geduzt wird.»
Milena Hänsli geniesst das Zirkusleben. «Ich kann mir gerade nichts anderes vorstellen – aber man muss schon dafür gemacht sein», betont sie. Zwar habe sie nicht weniger Freizeit als in einer öffentlichen Schule, aber bedeutend weniger Zeit für sich alleine. «Wir unternehmen nach Feierabend oft Dinge gemeinsam. Es ist immer etwas los – für jemanden, der viel Zeit für sich braucht, ist das nichts», so die Wilerin. Familie und Freunde müsse sie meist an den Wochenenden unterbringen. Auch das Privatleben braucht also viel Planung. «Kein Problem», so die 25-Jährige. «Das ist alles machbar.»
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