Redon Ismaili
beantwortet diese Woche die Fragen im WN-Vereins-Domino.
Christoph Hürsch bleibt politisch interessiert, überlässt das äbtestädter Feld aber nun seiner Nachfolge. lin
Nach 23 Jahren verabschiedete sich Christoph Hürsch vergangene Woche aus dem Stadtparlament. Der ehemalig dienstälteste Parlamentarier plaudert nach seinem Rücktritt aus dem Nähkästchen.
Wil «Ich durfte in den vergangenen 23 Jahren diverse Funktionen in vielen Kommissionen bekleiden – und dies war mir eine Ehre und eine grosse Verantwortung. Nun ist das Kapitel abgeschlossen», mit diesen Worten verabschiedete sich Christoph Hürsch letzten Donnerstag aus dem Wiler Stadtparlament. Der 72-jährige Mitte-Politiker ist dem Parlament am 1. Januar 2003 beigetreten. Was hat ihn in den über zwei Jahrzehnten am meisten bewegt?
Christoph Hürsch, warum haben Sie sich nach 23 Jahren jetzt dazu entschieden, Ihr Amt im Stadtparlament niederzulegen?
Ich habe schon Anfang der Legislatur geplant, aufzuhören. Durch einige Veränderungen in unserer Fraktion habe ich nochmal den Job als BVK-Präsident erhalten. Nun habe ich eine geeignete Nachfolge, deshalb setze ich den Plan jetzt um. Irgendwann hatte ich das Gefühl, nach 23 Jahren und zwei Monaten ist gut.
Was hat sie ursprünglich zur Politik gebracht?
Schon an der Jungbürgerfeier 1974 habe ich mit dem Stadtpräsidenten diskutiert, was die Idee mit der Südumfahrung damals sollte. Dann war ich gut 20 Jahre für die St.Galler Kantonalbank als Kreditchef tätig und hatte das Gefühl, nicht auch noch in die Politik zu können. Ich war in verschiedenen Vereinen engagiert und habe unter anderem als Präsident den KTV Wil Gesamtverein gegründet. Erst als ich einen neuen Job in Zürich angenommen hatte, war es für mich an der Zeit für das Parlament.
Sie haben während 23 Jahren eine Anfrage, sechs Interpellationen und eine Motion eingereicht. Im Vergleich zu anderen Parlamentariern eher wenig...
Ich habe immer direkt mit den Leuten gesprochen, ich musste keine Interpellationen schreiben. Die Verwaltung soll nicht mit Papierkram beschäftigt werden, wenn es auch Telefone oder Büros gibt.
Welche Themen haben Sie am meisten beschäftigt? Was war Ihr grösster Erfolg?
Ich war Präsident der Baukommission des Bergholz. Die Kommission hat den Werkvertrag überarbeitet. Dies hat dazu geführt, dass die Implenia nicht viel Nachtragskredite beanspruchen konnte. Durch die Kommissionsarbeit hat die Stadt so ungefähr fünf Millionen Franken gespart. Dazu kommt das Pflegeheim an der Fürstenlandstrasse: Eine Mehrheit des Parlaments wollte dort ursprünglich eine gehobene Altersresidenz errichten. Im Alleingang habe ich bei allen Fraktionen hausiert und konnte innerhalb von drei Wochen die Mehrheit überzeugen. Das Volk hat das Pflegeheim mit gut 85 Prozent angenommen. Das kann ich mir auf meine Kappe schreiben.
Wie hat sich die Wiler Politik in Ihrer Amtszeit verändert?
Man hört einander immer weniger zu. Die eigenen Interessen werden heutzutage höher gewichtet. Das Parlament hatte früher die richtige Flughöhe, heute redet es bei jedem Detail rein. Früher haben die Parlamentarier aufeinander geschossen, heute schiessen sie vermehrt auf den Stadtrat. So entsteht der Eindruck, der Stadtrat und die Verwaltung seien ungenügend – einen Eindruck, den ich nicht teile. Früher gingen wir nach jeder GPK-Sitzung – da waren alle fünf Parteien dabei – gemeinsam etwas essen oder trinken. Ich glaube, das ist heute nicht mehr so.
Und mit wem haben Sie gerne ein Glas Wein getrunken?
Mit einigen GPK-Mitgliedern, die ebenfalls in Zürich gearbeitet haben, habe ich mich manchmal am Feierabend getroffen. Am liebsten aber mit allen zusammen. Ich fand es eher schade, wenn jemand gefehlt hat.
Mit wem haben Sie am liebsten gestritten?
Mit Guido Wick. Wir haben uns aber nie so gestritten, dass wir im Nachhinein sauer aufeinander waren. Wir haben einander zugehört, danach wurde abgestimmt und dann zählte der demokratische Entschluss.
Was machen Sie mit der neugewonnenen Freizeit? Worauf freuen Sie sich am meisten?
Ich habe keine Termine mehr und kann mehr Zeit mit meiner Frau verbringen. Wir werden unsere Freizeitaktivitäten ausdehnen und mal etwas länger weg sein. Meine Frau ist seit einiger Zeit in einer Sprachschule in Spanien. Dahin reise ich auch bald.
Was werden Sie am meisten vermissen?
Das weiss ich noch nicht. Meine «Gspänli» haben meine Telefonnummer. Wenn sie irgendwann denken, sie brauchen die Meinung eines emeritierten Parlamentariers, dürfen sie jederzeit anrufen.
Bleiben Sie politisch aktiv?
Ich bleibe politisch interessiert, aber ich kann loslassen. Wechsel bedeuten immer Chancen. Mein Nachfolger Daniel Thoma wird einen guten Job machen.
Nach dem Rücktritt von Hans Mäder steht Wil im Sommer vor Neuwahlen. Wird es Ihre Partei wieder in das höchste Amt schaffen?
Meine persönliche Einschätzung ist, dass Andreas Breitenmoser die Wahl zum Präsidenten gewinnt. Mit Hans Mäder in unserer Partei hatte er nun über fünf Jahre Zeit, das Amt zu beobachten. Ich würde es ihm sehr gönnen.
Seit dem Dienstag ist klar: Thomas Abbt soll die Nachfolge von Andreas Breitenmoser als Stadtrat antreten. Was trauen Sie dem ehemaligen Parlamentarier zu?
Dass sich Thomas Abbt für den Stadtrat zur Verfügung stellt – etwas Besseres kann uns eigentlich nicht passieren. Ein offener Mensch, der klar kommuniziert. Er ist keiner, der nur sagt, «man könne noch» und darauf wartet, bis es jemand macht. Er setzt sich für die Umsetzung ein.
Von L. Bachmann / L. Eigenmann
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