Redon Ismaili
beantwortet diese Woche die Fragen im WN-Vereins-Domino.
«Decki» oder «Deggi»? In der Ostschweiz verlaufen Dialektgrenzen oft anders als politische. Ein Forschungsprojekt der Universität Zürich rund um die Dialektologin Prof. Dr. Anja Hasse untersucht die sprachliche Vielfalt im Einzugsgebiet der WN.
Ostschweiz «Dialekte in der Ostschweiz machen nicht an den Kantonsgrenzen halt», beobachtet Dialektforscherin Prof. Dr. Anja Hasse. Sie befasst sich im Rahmen eines Forschungsprojekts an der Universität Zürich mit der Vielfalt des Schweizerdeutschen und hat die App «nöis gschmöis» entwickelt. Diese sammelt Daten zu den aktuell gesprochenen schweizerdeutschen Dialekten.
Schweizerdeutsch, so die Dialektologin, ist eine natürlich gesprochene Sprache. «Anders als Hochdeutsch, das sich durch normierende Instanzen und Grammatik in richtig und falsch unterteilt, entwickelt sich Schweizerdeutsch von selbst.» Besonders spannend sei für Hasse der Mythos, dass Schweizerdeutsch keinen Regeln folge. «Die Regeln sind zwar nicht schriftlich festgehalten», sagt sie, «es gibt aber dennoch für jeden gewisse Normen.» Ein Beispiel könne man im Einzugsgebiet der «Wiler Nachrichten» gut beobachten: «Es gibt die sogenannte Beggeligrenze», verrät Anja Hasse. Dabei spreche man im Kanton St.Gallen Wörter wie «Decke» als «Deggi» aus – wie man das auch aus anderen ostschweizerischen Dialekten, wie dem Churer-Rheintalischen kennt – im Kanton Thurgau eher als «Decki», wie etwa im Zürichdeutschen.
«Wo sich die Grenzen der Ostschweizer Dialekte bilden, hängt weniger von der politischen Grenze als von der gesprochenen Sprache ab», sagt Anja Hasse. So sei ausschlaggebend, mit wem in den vergangenen Jahrhunderten, Jahrzehnten und Jahren gesprochen wurde. Kantonsgrenzen seien da weniger entscheidend. «Unsere Lebensrealität hat sich stark verändert, wodurch sich auch der Wortschatz schneller wandelt», weiss Hasse. Faktoren wie die Mobilität, dass Menschen nicht mehr dort wohnen, wo sie arbeiten, und Partner haben, die aus anderen Orten stammen, führen dazu, dass sich Dialekte immer häufiger mischen, sagt sie. «Die Satzstruktur jedoch verändert sich deutlich weniger rasant», fügt Anja Hasse hinzu. Abgesehen von demografischen Faktoren entwickle jede Generation auch ihren eigenen Dialekt. «Das kann dazu führen, dass einige lokale Wörter verschwinden und überregionale Begriffe bleiben.» Die Dialektforscherin nennt zwei Beispiele: «Der Vater einer Studienkollegin aus St.Gallen verwendet den Begriff «förben» für «wischen». Das hört man heute seltener. Und während in den 1940er-Jahren ein Zaun in der Ostschweiz noch «Ha(a)g» genannt wurde, sagt man heute eher «Zuun».
Das Zielpublikum der App «nöis gschmöis» seien nicht nur traditionelle Dialektsprechende, also Menschen, die seit Generationen am selben Ort leben, sondern auch Personen, die oft umgezogen sind oder eine andere Muttersprache sprächen. «Es werden 103 Fragen gestellt, mit denen wir den Dialekt erforschen», erklärt Anja Hasse. Neben der Auswahl, welches Wort verwendet wird, beispielsweise dem vorhin genannten Unterschied zwischen «Ha(a)g» und «Zuun», gibt es auch Fragen, bei denen ein Satz vom Hochdeutschen in den eigenen Dialekt übersetzt werden muss. «Wir sammeln diese Daten aber nicht nur für unsere Forschung», so Hasse, «wir bringen diese auch mit nach Wil.» In einem Workshop am Freitag, 27. März, um 18.15 Uhr im Musiksaal der Kantonsschule Wil, können Besuchende gemeinsam mit dem Dialektologie-Team der Universität Zürich ihren Dialekt analysieren. «Es geht darum, dass wir die gesammelten Daten mit Beobachtungen der Teilnehmenden vergleichen können», sagt die Projektleiterin. Anschliessend diskutieren Poetry-Slammer Fabian Engeler, Komikerin Martina Hügi und Satiriker Renato Kaiser in einer Podiumsdiskussion mit Gülsha Adiliji über ihre Dialekte. «Es gibt immer neue und spannende Phänomene zu entdecken», freut sich Anja Hasse.
Von Dominique Thomi
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